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Einmal Japan und zurück, bitte! – Abenteuerreise vom 02.10. bis zum 23.10.2014 #1

Ich habe mich nie für die (Vorurteilshaft bezeichnet) „Schlitzaugen“ (wobei die Augenform tatsächlich eher mandelförmig ist) von Übersee interessiert. Japaner kannte ich aus Münster, wie sie mit erstaunlich großen Augen und noch größeren Kameras und Objektiven jeden Baum, jede Pflanze und was sie sonst noch so für festhaltenswürdig hielten, fotografierten. Dass ich einmal selbst in das Land der aufgehenden Sonne reisen würde, war für mich genauso abwegig wie, dass die CDU Gesetze vorlegt, die die Gleichberechtigung von Homosexuellen sichern würden. Aber das Leben hält so manche Überraschung für das einzelne Individuum bereit!

HINREISE

So begab es sich an einem wunderschönen Sonntagabend in einem für diese Geschichte nicht relevanten Monat, dass das Klingeln des Festnetztelefons die Stille im Hause der Familie Borlinghaus durchbrach. Am Telefon war eine Freundin der Familie, die in aufgeregter Weise von einer knapp dreiwöchigen Japanreise schwärmte. Sie erzählte stolz, dass sie ihre beiden Söhne für eine derartige Abenteuerreise angemeldet hatte. Diese an sich nicht allzu weltbewegende Mitteilung, die an jedem anderen Tag in dem alltäglichen Smalltalk-Smog untergegangen wäre, fand aber in dem reisedurstigen Geiste der Zuhörerin (meiner Mutter) viel Nährboden. Feuer und Flamme für diese Reise und fest entschlossen, das Erbe von Opa für diese einmalige Gelegenheit zu opfern, gewann sie schließlich auch ihren Mann (meinen Vater) für die Idee. Für drei Wochen das nervige, keifende, schreiende und nichtsnutzige Töchterchen (das… ähm soll wohl ich sein) in ein fremdes Land zu schicken, war eine super Idee. Man könnte mal in Ruhe Verwandtenbesuche erledigen und sich um die Regeneration der gereizten Nerven kümmern. Schnell wurde die Anmeldung ausgefüllt. Da brachten das Protestieren und die Androhung, in Hungerstreik zu treten, von Katharina (dem nervigen, keifenden, schreienden und nichtsnutzigen Töchterchen) herzlich wenig. Ihr Schicksal wurde in die Hände des Postboten gelegt, der den Brief (also die Anmeldung) mit einem Lächeln entgegen nahm. Von ihm ließen sich meine Eltern noch die Handschlag-Versicherung geben, die zeitnahe Übermittlung des Briefes sicherzustellen, und damit war das Schicksal der Katharina B. besiegelt.

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Katharina würde mit 16 unbekannten (ich gebe zu, ich übertreibe gerne, um die Dramatik zu steigern und mehr Mitgefühl zu erlangen – eigentlich waren es nur 14 Unbekannte) Deutschen für drei Wochen nach Japan, Tokyo fliegen. Meine Mitreisenden kamen alle aus dem Kreis Steinfurt und waren zwischen 16 und 29 Jahre alt (unser Reiseleiter Ludger ausgenommen. Der bewohnt unseren Erdplaneten zwar schon etwas länger, ist aber im Herzen ein echter Jungspund). Kleiden durften wir uns mit dem Titel: „Deutsche Jugendbotschafter“, was der Reise noch etwas mehr Substanz und uns dahergelaufenen Jugendlichen den Hauch Wichtigkeit verlieh, den wir in so manchen Lebenssituationen schmerzlich vermissen. Am 02.10.2014 starteten wir unsere Reise vom FMO, um den heimischen Flughafen zu unterstützen und den Wirtschaftsstandort Greven durch verbesserte Fluggastzahlen aufzuwerten und überhaupt erstmal nach München zu kommen. Passend war zur selben Zeit auch das weltbekannte Oktoberfest im Freistaat Bayern, sodass mir schon auf dem Flughafen so viele Japaner entgegen kamen, dass ich der Ansicht war, dass ich jetzt auch wieder nach Hause fahren könnte. Ich hatte genug Japaner gesehen und genug japanisches Kauderwelsch gehört. Leider gab es keinen Weg zurück und auch mein Angebot, dass mich die Reisegruppe in drei Wochen am Münchener Flughafen abholen könnte, wurde nur mit einem hämischen Grinsen quittiert. Als das Flugzeug nach Tokyo abhob, ließ ich nicht nur Deutschland hinter mir, sondern auch eine uns sehr bekannte Person: Herrn Schafstedde. Auch er war mit selbigem Flugzeug vom FMO nach München geflogen, um dort persönlichen Verpflichtungen nachzugehen. Die Welt war tatsächlich kleiner, als ich bisher angenommen hatte. Unser Flug zog sich über zwölf Stunden. Ich, die bis dahin noch nie geflogen war, fand erstmal alles total interessant und klebte mit meinem Gesicht an der Fensterscheibe. Die Welt unter mir wurde immer kleiner und dann waren wir endlich über den Wolken. Was für ein geiles Gefühl war das denn bitte?! Während die Sonne den Horizont malerisch gelblich färbte, sah ich mich nur von weißen, fluffigen Schäfchenwolken umgeben. Nach einiger Zeit hatte allerdings ein anderes technisches Gerät meine Aufmerksamkeit gewonnen: Der Im-Vordersitz-integrierte-Serien-und-Film-Bildschirm (Ich glaube das ist die fachlich korrekte Bezeichnung). Filme und Serien bis zum Umfallen schauen? Super Sache! Nach allerdings vier Filmen pochte irgendetwas in meinem Kopf gegen meine Schädeldecke und auch meine Augen verfielen einer akut lähmenden Müdigkeit. Ich musste kapitulieren, was ich mir nur ungern eingestand. Nach etwas Schlaf, geschmacklich undefinierbarem Flugzeugessen und ganz viel Cola sind wir gegen 9 Uhr Ortszeit in Tokyo Haneda gelandet. Mir war etwas schlecht von der Landung und dementsprechend war ich noch etwas begeisterungsmüde. In meinem Kopf reifte die Erkenntnis: „Jetzt gibt es kein Zurück mehr. Du bist jetzt für drei Wochen auf einer Insel im Pazifik gefangen!“ Abgeholt wurden wir vom Flughafen von einem kleinen Bulli-Reisebus mit braunen Ledersitzen. Es prangte ein Pferd auf der Außenseite – das Erkennungssymbol des Harmony Centers, dem japanischen Unterstützer der Reise.

TOKIO

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Bestes Wetter empfing uns in Tokio. Die Sonne brannte von einem blau strahlenden Himmel. Bestimmt 26 Grad. Sommerurlaub im Herbst. Wir waren zwar alle kaputt von der Anreise, aber die Aussicht, die uns geboten wurde auf unserer gut 40-minütigen Fahrt zum National Olympics Memorial Youth Center, einem ehemaligen olympischen Dorf in Shibuya, einem Stadtteil von Tokyo ließ uns alle nicht schlafen. Hochhäuser, wo man nur hinsah. Sie überbrachten das Gefühl eines Urwalds, aus dem es kein Entkommen gab. Rechts und links bäumten sich die größten Kolosse auf und reckten sich Richtung Himmel. Ihre Fassaden waren gesäumt von unzähligen Fenstern. In jedem dieser Riesen waren bestimmt so viele Zimmer, dass die ganze Schülerherde unseres Gymnasiums (also auch du!) darin Platz gefunden hätte. Betrachtete man die Vorstadthochhäuser, waren sie meist schlicht bräunlich grau und übermittelten ein beengendes Gefühl. Fuhr man allerdings weiter durch die verschiedenen Viertel von Tokio, so glitzerten hier und da auch gläserne Bauten im Morgenlicht. Ein weiteres unverkennbares Merkmal war auch das Kabelmeer, was sich seinen Weg über jede Straße und verwinkelte Ecke zog. Wegen der häufigen Erdbeben werden jegliche Art von Telefon- und Internetkabeln (Mehr Arten fallen mir jetzt auch gerade nicht ein – „Habe ich Elektriker studiert oder was?“ [Na? Aus welchem Film kommt dieses Zitat? Richtig:.regnäfnÄ rüf hcsikrüT <- das soll so :-)]) über der Straße verlegt. An den Häuserwänden hingen die für Japan charakteristischen Werbeschilder, die des Nachts die Straßen taghell erleuchten und eine ganz besondere Atmosphäre zaubern. Nachdem wir unsere Koffer aus dem Wagen geholt und uns mental und körperlich gesammelt hatten, trafen wir uns im Office, einem Raum in der dritten Etage, welcher die nächste Zeit unsere Anlaufstelle sein würde. Die netten Japaner, die uns schon vom Flughafen abgeholt hatten, klärten uns über den weiteren Verlauf der Reise auf. Die Kommunikation war etwas erschwert dadurch, dass nicht alle von uns japanisch sprechen konnten und auch nicht alle Japaner der deutschen und englischen Sprache mächtig waren. (Es wunderte mich, dass ich mal irgendwo hinkam, wo die Menschen noch schlechter Englisch sprachen als ich. Man, war ich stolz auf mich!) Es wurde uns ein Programm ausgehändigt und wir wurden erst einmal auf die Zimmer entlassen. In dem alten olympischen Zentrum belegten wir, aufgeteilt auf Viererzimmer, ein schon etwas durchgeschlafenes Bett. An den Tapeten waren hier und da braune Flecken und auch die Tagesdecke, unter der man schlief, wies deutliche Gebrauchsspuren auf. Über diese Mängel konnte man aber hinwegsehen: Man musste einfach das Licht ausmachen und dann sah man das, von manchen verwöhnten Blagen sicherlich als Elend bezeichnete, Zimmer schon in einem anderen Licht – oder eben keinem.

ALLGEMEIN -> WOHNEN

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Das Leben in dem National Youth Center könnte man mit dem in einer Jugendherberge vergleichen. Insgesamt gab es vier große Blöcke, in denen die Touristen, Geschäftsleute oder sonstig verirrte Wanderer untergebracht wurden. Es gab ein Gemeinschaftsbad. Was für den verklemmten Europäer Irritation und Ablehnung hervorruft, ist in der japanischen Tradition tief verwurzelt. Das Gemeinschaftsbaden gehört zu einem gelungenen Abschluss des Tages. Vorstellen kann man sich das ungefähr so: Die Baderäume sind nach Geschlechtern getrennt. Es gibt einen Vorraum, in dem man sich entkleidet und einen weiteren, in dem man sich erst unter Duschen oder im Sitzen mit Brausen gründlich einseift und reinigt. Danach wird sich gemeinsam in einem Whirlpoolartigen Becken entspannt. Das Wasser in diesem Becken ist meist ziemlich heiß und man muss sich erst einmal dran gewöhnen. So hat man eben mit all den fremden Menschen, wie in einer Sauna, geduscht. Nachdem die Hemmungen erst einmal abgefallen waren, konnte man das abendliche (ja, die Duschzeiten waren zeitlich auf 18 Uhr bis 23:30 Uhr festgelegt) Duschen richtig genießen. Die in Japan hochmodernen Toiletten boten, zu meiner körperlichen Freude, auch die Möglichkeit, den Toilettengang weiterhin wie gewohnt mit Toilettenpapier abzuschließen. Gleichzeitig bieten diese Toiletten (wie du vielleicht schon mal aus der Werbung vor einem YT Video gesehen hast) nämlich auch die Möglichkeit, seinen Babypo mit aus der Toilette spritzendem Wasser zu reinigen und danach mit einem eigenen Pust-Trockensystem zu trocknen. Die Vorstellung allein fand ich nicht sonderlich ausprobierenswert (mal ganz davon abgesehen, dass ich nicht mal gewusst hätte, welchen der vielen Knöpfe ich hätte drücken müssen). Zusätzlich dazu versteckt sich auf der japanischen Toilette auch noch ein sehr interessantes Feature, was den Eitlen unter euch sicher auch schon so manche Unannehmlichkeit erspart hätte. Auf jeder öffentlichen Toilette ist an der Wand ein Knopf angebracht, der nach dem Drücken Abspül-Soundeffekte abspielt und somit deinen Toilettengang übertönt. So hört der Toilettennachbar weder Pipigeräusche noch die sehr peinlichen Furzgeräusche, oder wie der Duden es ausdrückt: entweichenden Darmblähungsgeräusche. Die Japaner sind schon sehr erfindungsfreudig.

Den Tag verbrachten wir mit Kennenlernen, ganz viel Essen und einem kleinen Stadtviertel-Rundgang. Am Ende des Tages war man sehr froh, in das mit Reiskörnern gefüllte Kissen zu sinken.

Kategorien: GAG empfiehlt, Leben

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