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Unbezahltes Praktikum als soziales Projekt getarnt?

Am 02.07 und 03.07.13 fand an unserer Schule ein interessantes Projekt statt, bei dem sich Schüler der Jahrgangsstufe 10 aus den Philosophie-Kursen für ihre Umwelt oder ihre Mitmenschen einsetzten sollten. Schon der Name – „Sozial Genial“ – dieses Projekts sagte aus, wie wichtig unserer Schule soziales Engagement ist. Auch ich musste an diesem Projekt mitwirken – und ich sage extra „musste“ da ich der ganzen Sache zuerst skeptisch gegenüberstand. Außer Mehrarbeit für die Schüler (einen Projektplatz eigenständig suchen, eine Präsentation über die zwei Tage halten und den verpassten Unterrichtsstoff nachholen) sah ich keinen Vorteil für die Umwelt oder die Mitmenschen. Die heutigen Medienjunkies von ihren PCs, und somit von den Social Networks wegzureißen und sie ungeübt auf Natur oder reale Menschen loszulassen. Wie sollten sie unter diesem Druck Positives bewirken? Aber es kam anders als gedacht.

Ich hatte mich sehr kurzfristig dafür entschlossen im St. Gertrudenstift Greven (das Altenheim welches an die MK-Räume unseres  Gymnasiums grenzt) die Projekttage hinter mich zu bringen. Gleichzeitig hatte ich (zur Absicherung) noch eine Freundin überredet, dass sie sich dort auch um einen Platz bemüht.

So stand ich am Dienstag (02.07.) um 9 Uhr vor der Tür des Altenheims, später als wäre ich zur Schule gegangen (wenigstens ein guter Aspekt). Dort angekommen, wurde ich direkt schon von meiner zugehörigen Ansprechpartnerin Frau Bunte erwartet. (Das überraschte mich, denn bei meiner letzten Praktikumsstelle hatte man mich doch glatt vergessen.) Nach einem kurzen Gespräch über die Aufgabe von Altenheimen und die verschiedenen Bereiche der Pflegeangebote machten wir eine kurze Hausführung. Da alle Etagen des Gertrudenstifts gleich gebaut sind, wussten meine Freundin und ich sofort: Verlaufen war unvermeidbar. Das konnte ja heiter werden.

Weiter ging es mit Sitzgymnastik, vor der es mir schon vor diesem Tag gegraut hatte. Meine Motivation sank auf den Nullpunkt. Sitzgymnastik klang nach Bewegung – und `Bewegung´ kam in meinem Couchpotato-Wortschatz nur abschätzig vor. Zusätzlich mochte ich eigentlich keine alten Menschen. Immer schlecht gelaunt, nervig, rechthaberisch und arbeitsaufwändig – also eigentlich wie kleine Kinder die sich nur zurückentwickeln.
Das konnte nur schlimm ausgehen. Meine Freundin jedoch rannte mit einem Lächeln von einem Raum zum anderen um die Gymnastikpatienten abzuholen, dass ich mir selbst schlecht vorkam so über ältere Menschen zu denken.
Als wir alle Damen (Männer waren vermutlich zu faul um sich zu bewegen) zusammenhatten und sie schön in Kreisform aufgestellt hatten war es endlich soweit: Füße kreisen, Zehenspitzen recken, Arme heben und Hände bewegen. Im Hintergrund lief aus einem Radio Volksmusik um die Situation mit wunderschönem (Ironie ende!) Rhythmus zu untermalen. Doch mit der Zeit musste ich einfach lachen – entweder aus dem Grund, dass ich die Situation so albern fand oder ich einfach Spaß daran hatte den Damen dabei zuzusehen, wie sie mit einem Lächeln auf dem Gesicht all die Übungen ohne Probleme meisterten.
Es wurden kleine Bälle verteilt, welche zur Handgymnastik genutzt wurden. Und wieder ging es los: Ball kneten, Ball über die Fingerspitzen rollen und Ball werfen.
Ich merkte langsam, dass es mir zu anstrengend wurde. Ich schaute erschrocken in die Runde – wenn ich schon müde wurde und meine Gelenke langsam anfingen sich gegen die Bewegungen zu wehren, wie sollte es denn dann den Damen ergehen, die immerhin ein stolzes Alter vorweisen konnten? Oder war ich einfach so untrainiert?
Zu meiner Erleichterung sah ich, dass ich nicht die einzige war, die die Gymnastik anstrengend fand: zwei der Damen waren eingeschlafen, den Ball noch in ihren Händen aber den Kopf zur Seite gelegt schliefen sie ruhig.
Nach der Gymnastik – und nachdem alle geweckt wurden – sollten die tapferen Gymnastikabsolventen auf die Waage `hüpfen´ und sich danach in ihrem Zimmer auf das Mittagessen vorbereiten.
Sie hatten zumindest schon mal meinen Respekt gewonnen – erster Punkt auf ihrer Seite.
Nach einem kurzen Rundgang durch den angelegten Park, mit Begleitung von drei Damen, wurden meine Freundin und ich auf die verschiedenen Etagen verteilt, um Essen anzureichen (ich sage gerne auch einfach „füttern“ dazu). Meine Freundin hatte eine nette Pflegekraft zur Seite gestellt bekommen, welche sie unterstützte beim ersten Mal „Essen anreichen“ während bei mir der Dialog zwischen mir und der Servicekraft so ablief: „Hast du schon mal Essen angereicht?“ „Nein.“, sagte ich. „Na dann! Nimm die Dame dahinten – die ist sehr pflegeleicht.“ – Na, Herzlichen Dank!
Alles in allem verlief jedoch der erste Abschnitt des ersten Arbeitstages ganz gut und ich sah meine vorherigen Klischeevorstellungen nicht bestätigt, die alten Menschen waren mir bis jetzt nicht unangenehm aufgefallen.
Nach einem ausgiebigen Mittagessen unsererseits und einer anschließenden Ausgangszeit von einer Stunde für uns, durften wir um 14.30 Uhr wieder ran: Es sollte gebastelt werden.
Wieder einmal alle Damen eingesammelt, Kuchen serviert und einen netten Kaffeplausch gehalten, wurde dann angefangen kleine Windräder anzumalen. Ich muss an dieser Stelle zugeben, dass es mir wirklich Spaß gemacht hat, zu helfen und mit anzusehen, wie glücklich doch alle waren. Jeder konnte nach seinen Fähigkeiten arbeiten, für die Hilfe waren wir – die Betreuer – dann zuständig.
Es war ein guter Abschluss von einem wirklich anstrengenden Tag. Fast wartete ich mit freudiger Spannung auf den nächsten Tag. Auch hoffte ich auch morgen wieder ein Lächeln auf so manche Gesichter zu zaubern.

Am nächsten Morgen, war Marktgang angesagt. Das Wetter war relativ schlecht, doch Frau Bunte sah es nicht pessimistisch und meinte nur: „Wenn Engel reisen, scheint auch die Sonne.“ Und so machten wir uns zu viert auf den Weg. „Die alten Damen und Herren gehen immer gerne auf den Markt!“, erfuhr ich von meiner zu schiebenden Rollstuhlbegleitung, „Sie sehnen sich immer nach ein bisschen Abwechslung.“ Aufmerksam beobachtete sie das geschäftige Treiben auf der Straße und sah dabei so glücklich aus, wie ein Kleinkind, welches Süßigkeiten bekommen hatte. Derweil mühte ich mich bei dem Versuch ab, den Rollstuhl sicher durch die Marktstand-Landschaft zu schieben. Schließlich fing es doch an zu regnen und wir mussten uns unter den Bögen unterstellen. Die Wartezeit verbrachten wir damit, einen Regenschirm an einem Volksbank-Stand zu gewinnen. Als es sich aufgeklart hatte, machten wir uns auf den Rückweg. Wir versammelten uns in einem abseitsgelegen Raum um dort einen Kaffee und ein Schlückchen Likör zu uns zu nehmen. Es wurde gesungen und erzählt.
Schließlich war es dann Zeit zum Mittagessen zu gehen. Doch bevor wir Essen anreichen gehen konnten, mussten wir noch Besorgungen in der Stadt machen. Bei so vielen Ärzten und Apotheken wie an jenem Tag, bin ich in einem halben Jahr nicht gewesen.
Das Essen anreichen verlief angenehm entspannt – im Essensraum unterhielt man sich angeregt und erzählte sich Witze und einige Geschichten aus der Jugend.
Zum Abschluss des Tages waren meine Freundin und ich wieder Essen und Fotos machen.
Wir verabschiedeten uns von den wirklich sehr netten und engagierten Leuten und machten uns auf den Heimweg.

Trotz meiner anfänglichen Bedenken, habe ich erkannt, dass dieser Projekttag viel an Erfahrungen mit sich gebracht hat und einen Einblick in das sehr aufwändige und anstrengende Leben eines (unterbezahlten) Pflegers ermöglicht hat. Ich gebe zu, dass ich mich zu Anfang zu sehr von meiner Unlust leiten gelassen habe und mit einem völlig falschen Blick auf diese Projekttage geschaut habe.
Auch von anderen habe ich erfahren, dass die Arbeit im Kindergarten, in der Grundschule oder dem Tierheim sehr wohl als `sozial´ angesehen werden kann.
Man sollte sich nicht scheuen bei Langeweile in den Ferien auch von sich aus aktiv zu werden. Einfach mal losgehen, und fragen, ob man (sozial) mitwirken kann!
Natürlich bleibt der negative Aspekt, dass man nicht mit Geld entlohnt wird, dafür aber mit viel Lachen, Glück und netten persönlichen Worten.
Das hat einen hohen Stellenwert in einer Zeit, in der man sich nicht mehr persönlich trifft und die Besuche bei Oma und Opa nur als lästig und Zeitverschwendung angesehen werden.
Hoffen wir, dass diese Besuche – nicht wie in China – gesetzlich verpflichtend werden, sondern immer noch auf freiwilliger Basis stattfinden können.

Zusatz: Die Präsentationsplakate zum „SozialGenial“ Projekt können an den Schautafeln vor der Aula bewundert werden.

Kategorien: GAGpolit, Schule

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