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24. Türchen – Der Mann mit der Mütze.

Er schreckte hoch. Ein Knarren der Dielen im Esszimmer hatte ihn aus dem Schlaf hochschrecken lassen. Verwundert rieb er sich die verschlafenen Augen. Er horchte. Nichts. Bildete er sich jetzt schon Geräusche ein? Nein. Da war es wieder. Ein Zuklappen einer Schranktür versicherte ihm, das er nicht anfing wunderlich zu werden. Also stieg er aus dem Bett, zog sich seine gefilzten Pantoffeln an und blieb erst mal kurz stehen. Das schnelle Aufstehen vertrug er in seinem Alter nicht mehr so gut. Schrecklich, wie die Zeit so verging und mit ihr, seine Vitalität und seine Bewegungsfreude. Während er also so stand und das Blut langsam in seine Beine zurück floss und sein Kopf sich an die aufrechte Position gewöhnte, hörte er wieder diese Geräusche. Jetzt musste die Person im Wohnzimmer angekommen sein, denn das teure Service seiner Großmutter, welches auf dem kleinen, braunen Beistelltisch neben dem Ledersofa stand, klimperte bedrohlich. „Meine Güte. Wie ein Elefant im Porzellanladen.“, dachte er. Er mochte diese Redewendung. Manch einer mochte sagen, dass sie alt und nicht mehr umgangssprachlich war, aber er war auch alt und er ging nun mal nicht gerne mit der Zeit. Und ein Elefant in einem Porzellanladen? Wie komisch das aussehen musste. Er schmunzelte bei dem Gedanken. Er öffnete seine schwere Schlafzimmertür und stieg die ersten Stufen der zerbrechlich wirkenden Treppe hinunter. Bei jedem Schritt hielt er sich am Geländer fest und versicherte sich, dass auch die nächste Stufe ihn noch halten würde. Er blickte an sich hinunter. Sein langer Bart hing zerzaust über seinem doch beachtlichen Bauchansatz. Hatte er wieder zugenommen? Das konnte gar nicht sein. Eigentlich hatte er sich die letzten Wochen bemüht, gesünder zu leben, Sport zutreiben und seine Tiere mal zu Fuß zum „Ausreiten“ zu bringen. Schließlich wollte er im Rahmen seiner Möglichkeiten fit bleiben. Es stand schließlich etwas Großartiges an. Aber es hatte wohl alles nichts gebracht. Beim Fühlen über seinen Bauch fühlte er, dass tatsächlich doch etwas mehr dazu gekommen sein musste. Er hörte seinen schweren Atem. Gesund klang das nicht. „Du bist halt alt.“, murmelte er und stieg weiter die Stufen hinab. Wie ein Elefant eben eine Treppe hinuntersteigen würde. Ha, noch etwas, dass ihn mit dem Sprichwort verband. Er musste von Außen tatsächlich, wie ein dicker, schwerfälliger Elefant aussehen. Ein dicker, schwerfälliger Elefant der schon sehr alt war. Aber er hatte immer noch ein weiches, junges Herz. Darauf bestand er, schließlich hätte er sonst schon längst seinen Beruf an den Haken hängen müssen. Und das würde er wohl niemals schaffen: Er liebte seinen Job.

Er war unten angekommen und sah in das Wohnzimmer hinein. „Ach, Du bist es.“, sagte er mit tiefer, leicht unverständlicher Stimme. Er war immer noch nicht ganz wach. Seine Körperfertigkeiten mussten sich erst mal auf den neuen Tag einstellen. „Hm?“, mampfte da sein Gast. „Ach, Du bist es.“, sagte er noch einmal. Jetzt mit tiefer, aber recht verständlicher Aussprache. „Ja Morgen! Ich hatte Hunger.“, brachte da sein Gast heraus, „Schicker Pyjama, Chef.“ „Was ist denn mit meinem Schlafanzug?“, fragte er zurück. Es war immer hin sein Lieblingsschlafanzug. Mit gestickten Rentieren und Sternchen drauf und das Wichtigste: Er war aus Frottee. Nirgendwo bekam man heute noch Frotteeschlafanzüge her. Die Industrie ging da wohl mit der Zeit. Alle Menschen wollten jetzt möglichst schicke, möglichst dünne Schlafanzüge haben. Mit Spitze und mit sehr wenig Stoff oder als fein geschnittenes Nachthemd; das waren die neusten Trends. Das hatte er zumindest gehört. Er hatte auch gehört, dass das wiederum die Deckenindustrie freute. Da die Leute nun nachts ständig frieren würden, würden sie jetzt immer dickere und größere Decken kaufen. Er selbst fror nie. In einem Frotteeschlafanzug konnte man auch nicht frieren, dass war nicht so vorgesehen vom Universum. „Tja, er ist halt schick. Betont den Bauch.“, schmunzelte der Gast. Fast erschrocken hielt er sich seine großen Hände vor seinen Bauch, als wollte er ihn so verbergen. Aber keine Hände konnten groß genug sein, damit sie das Dilemma überdecken konnten. Also ließ er sie wieder sinken. „Mmh.“, grummelte er und ließ sich etwas schwerfällig in seinem Lesesessel fallen. Das fühlte sich gut an. Diesen Sessel hatte er – in stundenlanger Arbeit – mit viel Liebe und Hingabe eingesessen. Er drückte sich etwas tiefer in den Stoff und legte die Beine hoch. Sein Gast begutachtete ihn. „Du bist etwas eingerostet.“, stellte dieser nun schonungslos fest, „Du bewegst dich wie ein alter Mann. Wie ein alter Mann mit Mütze.“ „Anstatt mich schon am frühen Morgen zu nerven, könntest du mir auch einen Kaffee holen, Rudolf.“, durch seine dicken Brillengläser sah er von seinem Sessel aus zu Rudolf auf der Couch. „Natürlich, Claus. Gerne.“, Rudolf stand auf und stakste in die Küche. Dabei kam er mit seinem Hinterteil schon wieder an das gute Service der Großmutter und es klirrte protestierend. „Pass mir bloß auf das Service auf!“, rief es da vom Sessel. Aber so ganz ernst konnte Claus es nicht meinen. Immerhin war Rudolf ein Rentier und also solches, schon rein Anatomisches nicht für den Haushalt konzipiert. Und dafür machte er seinen Job eigentlich ziemlich gut. Also lehnte sich Claus zurück und atmete tief durch. Der Duft des frisch gebrühten Kaffees erreichte sein Nase und er atmete noch etwas tiefer durch. Wunderbar! Das war ein guter Morgen, so einer, wie er ihn beschreiben würde, wenn ihn mal jemand danach fragen würde. Wer ihn genau mal danach fragen würde, wusste er nicht. Vielleicht mal ein Journalist. Diese Sorte Mensch stellte die seltsamsten Fragen, wenn es darum ging, Seiten mit Tinte zu bedrucken. Oder wenn sie anfingen, Dokumentationen für das Fernsehen zu machen. Ach, was es nicht alles für Dokumentationen gab. Er war immer wieder erstaunt. Als er letztens nach langer Zeit mal wieder das Gerät eingeschaltet hatte, lief da eine Dokumentation über Borkenkäfer. Faszinierende Tiere. Aber so eine Dokumentation über „Gute Morgen“, hätte auch was, fand er.

Rudolf kam mit dem Kaffee zurück und überreichte ihm die dampfende Tasse. Claus nahm sie etwas zittrig entgegen, aber er hielt sie fest. Die Wärme drang in seine Finger und ein einziger Schluck, weckte seine Lebensgeister. Was ein guter Morgen. Er zog sich seine Nachtmütze vom Kopf und legte sie sorgsam über seine Sesselarmlehne. Ohne seine Nachtmütze ging er schon lange nicht mehr zu Bett. Er träumte einfach viel besser, wenn er sie auf hatte. „Ist nicht mehr so viel zeit.“, stellte Rudolf fest, als er sich wieder zurück auf das Sofa setze. In der einen Hufe hielt er einen Keks. Er aß ihn im Ganzen. „Mmh.“, murmelte Claus, „Dieses Jahr ging aber auch wieder viel zu schnell vorbei.“ „So wie jedes Jahr.“, meinte Rudolf und nahm sich noch zwei Kekse aus der Porzellandose, „Aber wir liegen voll im Zeitplan. Dieses Jahr wird ein gutes Jahr.“ Claus nickte stumm. Ja, dieses Jahr hatte wirklich alles gut geklappt. Alle Pakete waren rechtzeitig angekommen, keines der Rentiere war krank geworden und auch der Schlitten wurde bei einer Generalüberholung neu gestrichen und erstrahlte jetzt wieder in einem kräftigen Grün. Er hatte sogar dieses Jahr die Scheinwerferlampen austauschen können. Letztes Jahr wären sie doch beinahe mit einem Hubschrauber zusammengestoßen. Er hatte jetzt zur Sicherheit die teureren und dafür helleren Lampen eingebaut. Sicherheit ging schließlich vor.

Er nahm noch einen Schluck. Der heiße Kaffee tat gut. „Heute müssen wir alles aufladen.“, sagte er, „Bist du fit? Wie sieht es mit den anderen aus?“ „Wir sind bereit! Mal schauen, ob wir dieses Jahr wieder alles auf die Gepäckablage bekommen.“, sagte Rudolf, „Die anderen müssten inzwischen fertig sein, wir können sicher schon sofort loslegen.“

„Das klingt gut. Dann werde ich mir mal eine Jacke überwerfen und zum Stall mitkommen.“, Claus stemmte seine Arme gegen die Armlehne und hob sich aus dem Sessel. Nach dem Kaffee ging das doch alles schon viel geschmeidiger. Rudolf folgte ihn, wobei er sich beim Rausgehen noch einen weiteren Keks schnappte. Claus betrat den Flur und holte seine gesteppte Winterjacke vom Haken. Heute würde er im Schlafanzug bleiben. Heute war so einer dieser Tage. Er holte seine großen Winterstiefel hinter dem Schrank hervor. „Wir haben viel zu tun.“, rief Rudolf, als er freudig aus der Tür sprang. „Also alles wie jedes Jahr.“, sagte Claus. Er nahm die schweren gestrickten Handschuhe aus der Jackeninnentasche und zog sich seine rote Mütze auf. Er atmete noch einmal tief durch bevor er hinaus trat. Die Schlüssel hatte er mitgenommen. Er zog die Tür zu. Es knallte leicht, Schnee fiel vom Vordach hinunter. In seinen großen Stiefeln stapfte er schwerfällig durch den hohen Schnee. Er merkte wie sich sein Herzschlag unter der Anstrengung beschleunigte. Er war wirklich nichts mehr gewohnt. „Wie ein so richtig alter Mann.“, dachte er, „Aber immerhin, wie ein richtig alter Mann mit Mütze.“ Dieses Jahr würde ein gutes Weihnachten werden. Da war er sich sicher.

Fröhliche Weihnachten.

Kategorien: Schule

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